Ein Artikel von Jasmin Gündel (Preisträgerin des Examenspreises des SLV im Wintersemester 2025/26)
„In der ersten Klasse abgehängt“– diese Schlagzeile bringt die aktuellen Herausforderungen im Anfangsunterricht auf den Punkt. Eine bundesweite ARD-Umfrage unter fast 7000 Lehrkräften zeigt, dass rund 90 % der Kinder heute mit mehr Entwicklungsdefiziten eingeschult werden als noch vor zehn Jahren[1]. Besonders auffällig sind dabei Schwierigkeiten im Bereich der Feinmotorik: Fast die Hälfte der Schulanfängerinnen und Schulanfänger haben Probleme beim sicheren Halten von Stiften oder beim Umgang mit der Schere. Damit fehlen zentrale Basiskompetenzen, die nicht nur für den Schriftspracherwerb, sondern auch für den Werkunterricht von grundlegender Bedeutung sind.
Im Fach Werken sollen Kinder unter anderem Freude am praktischen Tun entwickeln, feinmotorische Fertigkeiten ausbauen sowie unterschiedliche Werkstoffe und Fertigungsverfahren beim Herstellen von Werkstücken anwenden[2]. Eine altersangemessene Entwicklung der Feinmotorik ist daher Voraussetzung für das erfolgreiche Bewältigen praktischer Aufgaben. Kinder, deren feinmotorische Bewegungen noch nicht ausreichend automatisiert sind, sind im Schulalltag häufig benachteiligt, da sich bestehende Defizite nur schwer kompensieren lassen.
Diese Problematik bildete den Ausgangspunkt meiner Staatsexamensarbeit „Schritt für Schritt zur Geschicklichkeit – Eine Untersuchung zur Wirksamkeit einer selbstentwickelten progressiven Übungsreihe zur Förderung feinmotorischer Fertigkeiten von Schulanfängern in Vorbereitung auf den Werkunterricht“. Im Zentrum stand dabei das Schneiden mit der Schere als exemplarische feinmotorische Fertigkeit und als grundlegendes Werkzeug für den Werkunterricht ebenso wie für weitere Schulfächer. Erste Schneideversuche beginnen bereits im Alter von etwa zwei Jahren und entwickeln sich bis zum Schuleintritt zunehmend präziser. Aus entwicklungspsychologischer Perspektive wird damit deutlich: Soll der Schulalltag nicht von Beginn an von feinmotorischen Unsicherheiten geprägt sein, muss eine gezielte Förderung bereits im Vorschulalter ansetzen und Kinder frühzeitig auf die Anforderungen des Anfangsunterrichts vorbereiten.
Infolgedessen konzipierte ich im Rahmen meiner Examensarbeit eine neunstufige, systematisch aufgebaute, progressive Übungsreihe zur Förderung der Schneidefertigkeiten von Schulanfängern, mit dem Ziel, bestehende Defizite abzubauen und Kinder gezielt auf die praktischen Anforderungen des Werkunterrichts vorzubereiten.
Zu Beginn der Übungsreihe erwerben die Kinder grundlegende Kompetenzen im Umgang mit der Schere: Sie wählen ein geeignetes Werkzeug, üben die richtige Handhabung und lernen, ihre Kraft beim Schneiden verschiedener Materialien gezielt zu dosieren. Anschließend trainieren sie das Schneiden gerader Linien. Darauf folgen Übungen zu gewinkelten und gezackten Formen, bei denen vor allem das kontrollierte Drehen der Schere im Mittelpunkt steht. Beim Schneiden von Kurven und Kreisen werden diese Fertigkeiten weiter gefestigt, bevor die Kinder schließlich komplexe Linienführungen bearbeiten, in denen alle zuvor erworbenen Teilfertigkeiten zusammengeführt werden. Um die Schneideübungen aufzulockern, ist jede Übungsstunde durch spielerische Einstiege ergänzt, die gezielt unterschiedliche Aspekte der Handgeschicklichkeit ansprechen. So pusten die Kinder mithilfe einer Ballbrause Wattebäusche durch den Raum und stärken dabei ihre Hand- und Fingerkraft. In einer anderen Übung sammeln sie mit Essstäbchen Maisflips auf – eine Herausforderung, die Konzentration, Feinmotorik und die Koordination beider Hände gleichermaßen fordert.
Im Rahmen meiner Staatsexamensarbeit hatte ich die Gelegenheit, die entwickelte Übungsreihe direkt in der Praxis zu erproben. Dank meiner Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin konnte ich in enger Zusammenarbeit mit einer vertrauten Kindertagesstätte eine Gruppe von neun Vorschulkindern zusammenstellen und die Übungsstunden gemeinsam durchführen. Es war faszinierend, die eigenen Überlegungen lebendig werden zu sehen, die Kinder bei der Umsetzung anzuleiten und gleichzeitig ihre ganz individuellen Herangehensweisen und Herausforderungen zu beobachten.
Zur Erfassung der Fortschritte der Kinder setzte ich in jeder Übungsstunde standardisierte Beobachtungsbögen ein. Ergänzend überprüfte ich die Wirksamkeit der progressiven Übungsreihe mithilfe eines Prä-Post-Tests, der auf einem eigens entwickelten Schnittbild basierte. Die anschließende Datenanalyse zeigte, dass sieben der neun Kinder beim Schneiden erhebliche Fortschritte erzielten, erkennbar an präziseren Linienführungen und einer insgesamt sichereren Handhabung der Schere. Die beiden verbleibenden Kinder bestätigten ihr bereits hohes Leistungsniveau und bewältigten die Aufgaben durchweg souverän.
Ich blicke sehr gern auf die durchgeführten Übungsstunden zurück. Die aktive und begeisterte Teilnahme der Kinder war für mich besonders schön zu erleben und bestätigte, dass der spielerische Aufbau der Stunden in Kombination mit den Schneideaufgaben gut ankam. Auch von den Eltern erhielt ich viel positives Feedback, denn die Kinder erzählten oft zu Hause, wie viel Spaß sie hatten. Die Zusammenarbeit mit der Einrichtung gestaltete sich ebenso gewinnbringend: Inzwischen hat sich die Übungsreihe als hilfreiches methodisches Werkzeug im Vorschulunterricht der Kindertagesstätte etabliert.
Die Erkenntnisse dieser Arbeit zeigen demnach, dass frühzeitige, strukturierte Fördermaßnahmen geeignet sind, bestehende Entwicklungsunterschiede im Bereich der Feinmotorik zu verringern und Kindern bessere Startchancen für die Grundschule zu eröffnen.
Die Arbeit an der Schnittstelle zwischen Kindertagesstätte und Grundschule schenkte mir wertvolle Einblicke und Erkenntnisse, für die ich sehr dankbar bin. Sie sind nicht nur für meine eigene berufliche Praxis bedeutsam, sondern ich hoffe auch, dass diese Erfahrungen dazu beitragen, die frühkindliche Förderung noch gezielter zu gestalten.
