Aktuelle Situation und Einstellungsbedarf in Sachsen

Aktuelle Situation zur Bewerberlage und zum Einstellungsbedarf in Sachsen

An den Schulen im Freistaat Sachsen findet bereits seit einigen Jahren ein Generationenwechsel statt. Jährlich gehen bis zu 1.700 Lehrerinnen und Lehrer in den wohlverdienten Ruhestand. Infolge steigender Schülerzahlen müssen zusätzliche Stellen besetzt werden.
Im Einstellungsverfahren für das Schuljahr 2020/2021 waren 1.100 Lehrerstellen zu besetzen. Es gab 1.271 Bewerberinnen und Bewerber mit vollständiger Lehrerausbildung und 1.078 Bewerbungen von Seiteneinsteigern. 431 Stellen wurden schulscharf ausgeschrieben – fast dreimal so viele wie im Vorjahr. Mehr als 70 Prozent der Bewerber gaben bei der Wahl des Arbeitsortes Dresden oder Leipzig als Erstwunsch an.
Ein differenzierter Blick auf die Schularten und Regionen lässt erkennen, warum es auch künftig eine Herausforderung ist, dass für alle Schulen mit dringendem Lehrerbedarf Einstellungen erfolgen.

Mit 589 Interessenten für 281 Stellen hatte fast die Hälfte der grundständig ausgebildeten Bewerber eine Gymnasiallehrerausbildung. Neu war im Einstellungsverfahren zum Schuljahresbeginn 2020/2021, dass für die Schulart Gymnasium alle Stellen ausschließlich schulscharf ausgeschrieben wurden. Damit sollte den Bewerbern eine größere Transparenz hinsichtlich der tatsächlichen Bedarfe in Sachsen geboten werden. Während es für bestimmte Gymnasien in Leipzig über 60 Interessenten gab, gingen auf andere Ausschreibungen zunächst gar keine Bewerbungen ein. Die Bewerber mit Lehrerausbildung konnten bis zum 1. Juli 2020 ihre Bewerbung auf freie Stellen an Gymnasien anpassen und alle hatten die Chance, ein Einstellungsangebot (zumindest in anderen Schularten) zu erhalten. Über 100 konnten bis Mitte Juli 2020 für andere Schularten gewonnen werden.

An den berufsbildenden Schulen gibt es eine sehr differenzierte Bewerbersituation. Seit Jahren wählen viel zu wenig Lehramtsstudierende gewerblich-technische Fachrichtungen. Demzufolge werden auch perspektivisch Seiteneinsteiger mit diesen Qualifikationen eingestellt. In sozialen Fachrichtungen gibt es hingegen oft mehr Bewerber als Einstellungsbedarfe. Alle Bewerber mit Berufsschullehrerausbildung für die Regionen Bautzen, Chemnitz und Zwickau haben ein Angebot erhalten. Interessenten für die LaSuB-Bereiche Leipzig und Dresden mitunter für eine andere Region. Somit kann man die Bewerbersituation nicht allein an der Zahl der Interessenten mit Berufsschullehrerausbildung messen.

Im Grundschulbereich führen die Ausweitung der Lehrerausbildung auf Chemnitz und die landesweite Erhöhung der Ausbildungskapazitäten zu einer guten Einstellungssituation. Insgesamt gab es mehr Bewerber mit grundständiger Lehrerausbildung (insgesamt 386) als geplante Einstellungen (insgesamt 309). Eigentlich könnten die jungen Lehrerinnen und Lehrer eine gute berufliche Perspektive in Sachsen haben, wenn es nicht die starke Fokussierung auf die Universitätsstadt Leipzig (175 Bewerber auf 78 Stellen) gäbe. Durch die mangelnde Flexibilität vieler Absolventen gibt es in den Regionen Bautzen und Zwickau immer noch offene Stellen. Infolge der 2013 begonnenen Grundschullehrerausbildung an der TU Chemnitz können in dieser Region erstmals wieder genügend grundständig ausgebildete Grundschullehrerinnen und -lehrer eingestellt werden.

Zu wenige Abiturienten haben sich in der Vergangenheit und Gegenwart für ein Studium des Lehramtes an Mittelschulen bzw. Oberschulen entschieden. Deshalb bleibt die Bewerbersituation auch in den kommenden Jahren problematisch. An keinem LaSuB-Standort erreichte zunächst die Zahl der Bewerber mit Lehrerausbildung (insgesamt 142) die Zahl der geplanten Einstellungen (insgesamt 291). Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass bis Mitte Juli 2020 über 70 ausgebildete Gymnasiallehrerinnen und -lehrer bereit waren, ein Angebot an einer Oberschule anzunehmen. Dadurch konnten zumindest in den Bereichen Leipzig und Dresden nahezu alle freien Stellen durch Bewerber mit Lehrerausbildung besetzt werden, während es in den Regionen Bautzen, Chemnitz und Zwickau noch viele offene Stellen gibt.

Sachsen hat hervorragende Förderschulen, die sogar international einen sehr guten Ruf haben. Trotz Integration bzw. Inklusion gibt es seit Jahren stabile Schülerzahlen. Der problematische Lehrermangel setzte sich auch mit dem diesjährigen Einstellungsverfahren fort. Die universitäre Lehrerausbildung erfolgt in Leipzig und nur dort gab es so viele Bewerber mit sonderpädagogischer Lehrerausbildung für die geplanten Einstellungen. Die ursprüngliche Bewerbersituation in den anderen vier LaSuB-Standorten ließ selbst mit Hilfe von Seiteneinsteigern keine bedarfsgerechten Einstellungen zu. Nur ein schulartfremder Einsatz von ausgebildeten Lehrkräften könnte noch die große Lücke zwischen Einstellungsbedarf und Bewerberzahl schließen. Die Ursache für das Defizit liegt im hohen Anteil von Studierenden aus anderen Bundesländern im Lehramt Sonderpädagogik an der Universität Leipzig. Nur etwa 70 von ca. 300 sächsischen Interessenten erhalten pro Jahr einen der ca. 220 Studienplätze, obwohl in Sachsen langfristiger Bedarf von 150 bis 170 Einstellungen pro Jahr besteht. Künftige Bedarfe werden so voraussichtlich wieder nicht gedeckt.

Sachsen hat wie kein anderes Bundesland seit 2012 die Lehrerausbildung verstärkt und das zeigt in Einstellungsverfahren erste Wirkung. Die Zahl der Immatrikulationen für ein Lehramtsstudium an den sächsischen Universitäten und Musikhochschulen wurde seit 2012 (1.000 Studienanfänger) kontinuierlich erhöht und stieg 2018 auf 2.600 Studienanfänger. Im Jahr 2017 gab es bereits 1.334 erfolgreich abgeschlossene Lehramtsprüfungen an den sächsischen Hochschulen.

Die Kapazitäten der Lehramtsstudiengänge liegen in Sach-sen über den eigenen Bedarfen, weil auch Abiturienten aus anderen Bundesländern hier studieren, an der Universität Leipzig ca. 60 Prozent. Viele Millionen Euro investiert der Freistaat Sachsen alljährlich in die Lehrerausbildung. Ein Dilemma entsteht, wenn der eigene Lehrernachwuchs aber nicht in ausreichender Zahl in bestimmten Regionen unterrichten möchte – aus berechtigten oder weniger nachvollziehbaren Gründen. Dann werden Seiteneinsteiger eingestellt, für deren Ausbildung erneut viel Geld ausgegeben werden muss. Auch für unsere Lehrerinnen und Lehrer, die mit der Lehrerausbildung betraut werden, stellt das eine Doppelbelastung dar.

Die Wünsche der jungen Lehrergeneration entsprechen leider nicht immer den Lehrerbedarfen. Seit die Lehrerausbildung im Jahr 2012 wieder in schulartspezifischen Studiengängen mit Staatsexamensabschluss   erfolgt, gibt es einen positiven Trend zur bedarfsgerechteren Wahl der Schularten. Gute Entscheidungen bei der Studienwahl verändern aber erst nach ca. sieben Jahren Ausbildungszeit die Bewerbersituation. Über 70 Prozent (!) der Junglehrer aller Schularten wollten nach Dresden oder Leipzig. Die Magnetwirkung attraktiver Großstädte auf junge Menschen ist nicht nur ein sächsisches Phänomen, das geschieht in ganz Deutschland und darüber hinaus. Für Schulen in Regionen mit permanentem Lehrermangel gibt es mittlerweile Anreizsysteme, wie den Anwärtersonderzuschlag von über 1.000 Euro, wenn der Vorbereitungsdienst an einer Ausbildungsschule in einer Bedarfsregion absolviert wird und im unmittelbaren Anschluss eine Mindesttätigkeitszeit von fünf Jahren an einer Schule in einer Bedarfsregion erfolgt.

Der Sächsische Lehrerverband möchte noch mehr junge Lehrerinnen und Lehrer ermuntern, sich vor Ort von der guten Ausstattung der Schulen in den Bedarfsregionen zu überzeugen. Diese Städte und Gemeinden haben ebenfalls ihre Vorzüge und sind lebenswert. Mieten und Bauland sind deutlich günstiger als in Leipzig und Dresden. Nette Menschen, Freizeitangebote, Sportstätten, Musik und Theater gibt es in allen sächsischen Regionen.
Zur künftigen bedarfsgerechteren Lehrerversorgung müssen die Studiengänge an den Universitäten in Leipzig, Dresden und Chemnitz langfristig gesichert werden. An der TU Chemnitz ist eine Ausweitung der Lehrerausbildung auch auf die Studiengänge für weitere Schularten unerlässlich, um eine flächendeckende Lehrerversorgung im gesamten Freistaat zu gewährleisten. Zusätzlich muss nach Auffassung des SLV die Lehrerausbildung stärker regionalisiert werden, indem Außenstellen der Universitäten in Westsachsen und Ostsachsen eingerichtet werden.

Der Lehrerberuf in Sachsen ist attraktiver geworden

Der Freistaat Sachsen muss sich seit Jahren in zunehmendem Maß der Herausforderung um die Gewinnung des Lehrernachwuchses im bundesdeutschen Wettbewerb stellen. Der Sächsische Lehrerverband hat die Zeichen frühzeitig erkannt und selbst Initiativen zur Lehrerwerbung ergriffen. Im Mittelpunkt unserer Aktivitäten steht stets die Erhöhung der Attraktivität des Lehrerberufs.
Im Dezember 2018 verabschiedete der Sächsische Landtag die gesetzlichen Grundlagen zur Umsetzung des Handlungsprogrammes „Nachhaltige Sicherung der Bildungsqualität in Sachsen“. Besonders attraktiv für Berufseinsteiger sind die folgenden Neuerungen:

  • Verbeamtung von grundständig ausgebildeten Lehrkräften, Übernahme verbeamteter Lehrkräfte aus anderen Bundesländern
  • Verbeamtung von Referendaren und Lehramtsanwärtern im Vorbereitungsdienst
  • Eingruppierung der Grundschullehrkräfte (sowie der Grundschullehrer, die an anderen Schularten eingesetzt sind) in A 13 EG 13. Damit ist die Eingruppierung in A 13 in allen Schularten das Eingangsamt für Lehrkräfte mit vollständiger Lehrerausbildung.
  • Seiteneinsteiger an Grundschulen werden in Abhängigkeit von ihren bisherigen Abschlüssen ebenfalls besser eingruppiert – auf dem Niveau der anderen
  • EG 14-Beförderungsstellen für grundständig ausgebildete tarifbeschäftigte Lehrkräfte an beruflichen Schulen, Förderschulen, Gymnasien und Oberschulen sind ab Januar 2020 im Haushalt des Freistaates ausgebracht.
  • Erhöhung der Studienplätze für Studienanfänger in der Lehramtsausbildung auf 2.420 seit 2018 (zum Vergleich: 1.000 im Jahr 2011)
  • Anwärtersonderzuschlag für Referendare im ländlichen Raum (ca. 100 Euro, Stand: Januar 2020) ist möglich
  • Zwei weitere Ausbildungsstätten für Referendare im ländlichen Raum wurden eingerichtet (Löbau und Annaberg-Buchholz).
  • Einstellungsgarantie zu Beginn des Referendariats für die Schularten Grundschule, Förderschule und Oberschule, bei Gymnasien und beruflichen Schulen für bestimmte Fächer
  • Der unmittelbare Wechsel in den Vorbereitungsdienst nach dem Ersten Staatsexamen wurde ermöglicht, bislang gab es dort mehrmonatige Wartezeiten zu überbrücken.
  • Kostenfreie und freiwillige Coaching- und Fortbildungsmaßnahmen im Rahmen des Berufseinstiegs
  • Seiteneinsteiger erhalten für die Zeit ihrer wissenschaftlichen Qualifizierung sechs statt bisher „bis zu vier“ Anrechnungsstunden.
  • Jede Schule erhält seit dem 1. Januar 2019 ein frei aufteilbares Prämienbudget zur Ausgabe individueller und kollektiver Leistungsprämien.
  • Assistenzprogramme: Zusätzliches nicht-pädagogisches Personal an Schulen sollen Lehrkräfte
  • Über das Programm „Senior-Lehrkräfte“ können Lehrkräften in Ausbildung, Seiteneinsteigern und Berufsanfängern berufserfahrene Mentoren zur Seite gestellt

Durch das Handlungsprogramm der Staatsregierung von 2018 kommen mehr junge Lehrerinnen und Lehrer nach Sachsen bzw. bleiben nach Abschluss ihrer Lehrerausbildung hier. Es wäre wünschenswert, wenn damit der Lehrermangel in Sachsen wirksam und nachhaltig gemindert werden kann.