Aktuelle Situation und Einstellungsbedarf in Sachsen

Aktuelle Situation zur Bewerberlage und zum Einstellungsbedarf in Sachsen

An den Schulen im Freistaat Sachsen findet bereits seit einigen Jahren ein Generationenwechsel statt. Jährlich gehen bis zu 1.700 Lehrerinnen und Lehrer in den wohlverdienten Ruhestand. Infolge steigender Schülerzahlen müssen zusätzliche Stellen besetzt werden.
Im Einstellungsverfahren zum Schuljahresbeginn 2019/2020 waren 1.101 Lehrerstellen zu besetzen. Es gab 1.223 Bewerber mit vollständiger Lehrerausbildung, auch aus anderen Bundesländern, und 1.648 Bewerbungen von Seiteneinsteigern. Ein differenzierter Blick auf die Schularten und Regionen lässt erkennen, warum es auch künftig eine Herausforderung ist, dass für alle Schulen mit dringendem Lehrerbedarf Einstellungen erfolgen.

Mit 605 Interessenten für 123 Stellen hatte fast die Hälfte der grundständig ausgebildeten Bewerber im Einstellungsverfahren zum Schuljahresbeginn 2019/2020 eine Gymnasiallehrerausbildung. Damit ist das Gymnasium die einzige Schulart, in der es mehr Bewerber mit Lehrerausbildung gibt als zu besetzende Stellen. Das trifft auf alle Regionen, d.h. die fünf Standorte des Landesamtes für Schule und Bildung (LaSuB), zu. Alle Bewerber mit Lehrerausbildung haben dennoch ein Einstellungsangebot erhalten, jedoch war es wieder sehr schwierig, sie für andere Schularten zu gewinnen – trotz gleicher Bezahlung nach A13 und Verbeamtung.

An den berufsbildenden Schulen gibt es eine sehr differenzierte Bewerbersituation. Seit Jahren wählen viel zu wenig Lehramtsstudierende gewerblich-technische Fach- richtungen. Demzufolge werden auch perspektivisch Seiteneinsteiger mit diesen Qualifikationen eingestellt. In sozialen Fachrichtungen gibt es hingegen oft mehr Bewerber als Einstellungsbedarfe. Alle haben ein Angebot erhalten, oft in einer anderen Region. Somit kann man die Bewerbersituation nicht allein an der Zahl der Interessenten mit Berufsschullehrerausbildung messen.

Für die Grundschulen gab es fast so viele Bewerber mit Lehrerausbildung wie geplante Einstellungen. Eigentlich könnten alle jungen Lehrerinnen und Lehrer eine gute berufliche Perspektive in Sachsen haben, wenn es nicht die starke Fokussierung auf die Universitätsstädte Dresden und Leipzig gäbe. Die Grundschullehrerausbildung an der TU Chemnitz begann erst mit dem Wintersemester 2013/2014 mit 100 Studienplätzen und das wird sich voraussichtlich erst in den kommenden Einstellungsverfahren bemerkbar machen. Die mangelnde Flexibilität vieler Absolventen trifft die anderen Regionen besonders hart. In den LaSuB-Standorten Chemnitz und Zwickau gab es zu wenige ausgebildete Bewerber, in Bautzen lag sogar die Gesamtzahl, d.h. einschließlich Seiteneinsteiger, unterhalb der Einstellungspläne.

Zu wenige Abiturienten haben sich in der Vergangenheit und Gegenwart für ein Studium des Lehramtes an Mittelschulen bzw. Oberschulen entschieden. Deshalb bleibt die Bewerbersituation auch in den kommenden Jahren problematisch. An keinem Standort des LaSuB erreichte die Zahl der Bewerber mit Lehrerausbildung (insgesamt 126) die Zahl der geplanten Einstellungen (insgesamt 306), für die Regionen Bautzen und Chemnitz gab es selbst unter Berücksichtigung von interessierten Seiteneinsteigern zu wenige Bewerbungen.

Sachsen hat hervorragende Förderschulen, die sogar international einen sehr guten Ruf haben. Trotz Integration bzw. Inklusion gibt es seit Jahren stabile Schülerzahlen. Der problematische Lehrermangel setzt sich auch mit diesem Einstellungsverfahren fort. Die universitäre Lehrerausbildung erfolgt in Leipzig und selbst dort gab es zu wenige Bewerbungen. Auch mithilfe von Seiteneinsteigern kann in keinem der fünf LaSuB-Standorte bedarfsgerecht eingestellt werden. Die Ursache für das Defizit liegt insbesondere in der Lehrerausbildung. Der Anteil von Bewerbern aus anderen Bundesländern für einen Studienplatz Lehramt Sonderpädagogik an der Universität Leipzig ist höher als der durchschnittliche Anteil bei Lehramtsstudiengängen, weil Sonderpädagogik in zehn Bundesländern nicht angeboten wird. Künftige Bedarfe werden so voraussichtlich wieder nicht gedeckt.

Sachsen hat wie kein anderes Bundesland seit 2012 die Lehrerausbildung verstärkt und das zeigt in Einstellungsverfahren erste Wirkung. Die Zahl der Immatrikulationen für ein Lehramtsstudium an den sächsischen Universitäten und Musikhochschulen wurde seit 2012 (1.000 Studienanfänger) kontinuierlich erhöht und stieg 2018 auf 2.600 Studienanfänger. Im Jahr 2017 gab es bereits 1.334 erfolgreich abgeschlossene Lehramtsprüfungen an den sächsischen Hochschulen.
Die Kapazitäten der Lehramtsstudiengänge liegen in Sachsen über den eigenen Bedarfen, weil auch Abiturienten aus anderen Bundesländern hier studieren, an der Universität Leipzig ca. 60 Prozent. Viele Millionen Euro investiert der Freistaat Sachsen alljährlich in die Lehrerausbildung. Ein Dilemma entsteht, wenn der eigene Lehrernachwuchs aber nicht in ausreichender Zahl in bestimmten Regionen unterrichten möchte – aus nachvollziehbaren oder weniger nachvollziehbaren Gründen. Dann werden Seiteneinsteiger eingestellt, für deren Ausbildung erneut viel Geld ausgegeben werden muss. Auch für unsere Lehrerinnen und Lehrer, die mit der Lehrerausbildung betraut werden, stellt das eine Doppelbelastung dar.

Die Wünsche der jungen Lehrergeneration entsprechen leider nicht immer den Lehrerbedarfen. Seit die Lehrerausbildung im Jahr 2012 wieder in schulartspezifischen Studiengängen mit Staatsexamensabschluss erfolgt, gibt es einen positiven Trend zur bedarfsgerechteren Wahl der Schularten. Gute Entscheidungen bei der Studienwahl verändern aber erst nach ca. sieben Jahren Ausbildungszeit die Bewerbersituation.
Über 70 Prozent (!) der Junglehrer aller Schularten wollten nach Dresden oder Leipzig. Diese Metropolen finden auch junge Leute aus anderen Bundesländern attraktiv. Für Schulen in Regionen mit permanentem Lehrermangel gibt es mittlerweile Anreizsysteme, wie der Anwärtersonderzuschlag von über 1.000 Euro, wenn der Vorbereitungsdienst an einer Ausbildungsschule in einer Bedarfsregion absolviert wird und im unmittelbaren Anschluss eine Mindesttätigkeitszeit von fünf Jahren an einer Schule in einer Bedarfsregion erfolgt.

Der Sächsische Lehrerverband möchte die jungen Lehrerinnen und Lehrer ermuntern, sich vor Ort von der guten Ausstattung der Schulen in den Bedarfsregionen zu überzeugen. Diese Städte und Gemeinden haben ebenfalls ihre Vorzüge und sind lebenswert. Mieten und Bauland sind deutlich günstiger als in Leipzig und Dresden. Nette Menschen, Freizeitangebote, Sportstätten, Musik und Theater gibt es in allen sächsischen Landkreisen. Zur künftigen bedarfsgerechteren Lehrerversorgung müssen die Studiengänge an den Universitäten in Leipzig, Dresden und Chemnitz langfristig gesichert werden. An der TU Chemnitz ist eine Ausweitung der Lehrerausbildung auch auf die Studiengänge für weitere Schularten unerlässlich, um eine flächendeckende Lehrerversorgung im gesamten Freistaat zu gewährleisten. Zusätzlich muss nach Auffassung des SLV die Lehrerausbildung stärker regionalisiert werden, indem Außenstellen der Universitäten in Westsachsen und Ostsachsen eingerichtet werden.

Der Lehrerberuf in Sachsen ist attraktiver geworden

Der Freistaat Sachsen muss sich seit Jahren in zunehmendem Maß der Herausforderung um die Gewinnung des Lehrernachwuchses im bundesdeutschen Wettbewerb stellen. Der Sächsische Lehrerverband hat die Zeichen frühzeitig erkannt und selbst Initiativen zur Lehrerwerbung ergriffen. Im Mittelpunkt unserer Aktivitäten steht stets die Erhöhung der Attraktivität des Lehrerberufs.
Im Dezember 2019 verabschiedete der Sächsische Landtag die gesetzlichen Grundlagen zur Umsetzung des Handlungsprogrammes „Nachhaltige Sicherung der Bildungsqualität in Sachsen“. Besonders attraktiv für Berufseinsteiger sind die folgenden Neuerungen:

  • Verbeamtung von grundständig ausgebildeten Lehrkräften, Übernahme verbeamteter Lehrkräfte aus anderen Bundesländern
  • Verbeamtung von Referendaren und Lehramtsanwärtern im Vorbereitungsdienst
  • Eingruppierung der Grundschullehrkräfte (sowie der Grundschullehrer, die an anderen Schularten eingesetzt sind) in A 13 EG 13. Damit ist die Eingruppierung in A 13 in allen Schularten künftig das Eingangsamt für Lehrkräfte mit vollständiger Lehrerausbildung.
  • Seiteneinsteiger an Grundschulen werden in Abhängigkeit von ihren bisherigen Abschlüssen ebenfalls besser eingruppiert – auf dem Niveau der anderen
  • EG 14-Beförderungsstellen für grundständig ausgebildete tarifbeschäftigte Lehrkräfte an Beruflichen Schulen, Förderschulen, Gymnasien und Oberschulen werden zum 1.2020 ermöglicht.
  • Erhöhung der Studienplätze für Studienanfänger in der Lehramtsausbildung auf 2.420 ab 2018 (zum Vergleich: 1.000 im Jahr 2011)
  • Anwärtersonderzuschlag für Referendare im ländlichen Raum (max. 046 Euro, Stand: Mai 2019) ist möglich
  • Zwei weitere Ausbildungsstätten für Referendare im ländlichen Raum werden eingerichtet (Löbau und Annaberg-Buchholz).
  • Einstellungsgarantie zu Beginn des Referendariats für die Schularten Grundschule, Förderschule und Oberschule, bei Gymnasien und Beruflichen Schulen für bestimmte Fächer
  • Der unmittelbare Wechsel in den Vorbereitungsdienst nach dem Ersten Staatsexamen wird ermöglicht, bislang gab es dort mehrmonatige Wartezeiten zu überbrücken.
  • Kostenfreie und freiwillige Coaching- und Fortbildungsmaßnahmen im Rahmen des Berufseinstiegs
  • Seiteneinsteiger erhalten für die Zeit ihrer wissenschaftlichen Qualifizierung künftig 6 statt bisher „bis zu 4“ Anrechnungsstunden.
  • Jede Schule erhält ab 1.2019 ein frei aufteilbares Prämienbudget zur Ausgabe individueller und kollektiver Leistungsprämien.
  • Assistenzprogramme: Zusätzliches nicht-pädagogisches Personal an Schulen sollen Lehrkräfte
  • Über das Programm „Senior-Lehrkräfte“ können Lehrkräften in Ausbildung, Seiteneinsteigern und Berufsanfängern berufserfahrene Mentoren zur Seite gestellt

Durch das Handlungsprogramm der Staatsregierung von 2018 kommen mehr junge Lehrerinnen und Lehrer nach Sachsen bzw. bleiben nach Abschluss ihrer Lehrerausbil-dung hier. Es wäre wünschenswert, wenn damit der Lehrermangel in Sachsen wirksam und nachhaltig gemindert werden kann.