Aktuelle Situation in Sachsen

Aktuelle Situation zur Bewerberlage und zum Einstellungsbedarf in Sachsen

Zum Start des Schuljahres 2017/2018 hat Sachsen 1.400 Lehrerstellen neu besetzt. Bereits im Februar 2017 waren zur Schuljahresmitte 800 Lehrkräfte eingestellt worden. 2.259 Bewerbungen gab es im Frühjahr auf die ausgeschriebenen Stellen, darunter waren 838 Bewerber mit einer vollständigen Lehrerausbildung. Für die Einstellung zum 01.08.2017 sind 3.166 Bewerbungen bei der Sächsischen Bildungsagentur eingegangen, nur 1.160 mit vollständiger Lehrerausbildung. Alle anderen hatten keine vollständige Lehrerausbildung. Diese Seiteneinsteiger werden nach und nach für den Lehrerberuf qualifiziert, wenn sie über einen Hochschulabschluss verfügen, der einem Unterrichtsfach zugeordnet werden kann.

Rund 70 Prozent aller Bewerbungen bezogen sich auf die Bereiche der Regionalstellen Dresden und Leipzig, mehr als die Hälfte der Bewerbungen zielten auf eine Schulart – nämlich das Gymnasium. Bedarf gibt es an Gymnasien aber bei weitem nicht in diesem Umfang und zudem regional- und fächerspezifisch. Kurz- und mittelfristiger Einstellungsbedarf besteht besonders im Grund-, Ober- und Förderschulbereich. Zu wenige Bewerbungen für diese Schularten erschweren die Besetzung notwendiger Lehrerstellen. Die Folge ist, dass Gymnasiallehrer schon jetzt an Grund-, Ober und Förderschulen arbeiten. Ihr Ziel ist es, in der Heimat bleiben zu können, und damit nehmen sie auch die Arbeit in anderen Schularten in Kauf. Im Gesamtpaket zur Gestaltung des Generationenwechsels im Schulbereich aus dem Jahr 2013 hatte der SLV mit seiner Spitzengewerkschaft dbb eine Rückkehroption an die der Ausbildung entsprechende Schulart verhandelt. Seit 2017 wird Lehramtsabsolventen mit einer grundständigen Ausbildung für eine andere Schulart, die sich für einen Zeitraum von mindestens drei Jahren für den Dienst an einer Oberschule oder Grundschule verpflichten, ein Wechsel ermöglicht – sofern noch der Wunsch zu wechseln besteht.

Dem Lehrermangel in Sachsen kann derzeit nur mit der Einstellung von Seiteneinsteigern begegnet werden. Bereits in Vorbereitung auf das Schuljahr 2016/2017 mussten 48 Prozent der freien Stellen mit Seiteneinsteigern besetzt werden. In diesem Jahr stieg die Quote der Seiteneinsteiger bei den Einstellungen auf etwa 52 Prozent an, die meisten an den Grund- und Oberschulen. Ihr Anteil bei den Einstellungen machte an diesen Schularten fast zwei Drittel aus. Dieser Trend setzt sich fort.

Die Gründe für die Schieflage zwischen Bewerbern und Bedarf sind in der Lehrerausbildung der vergangenen Jahre zu suchen. Das auslaufende polyvalente Bachelor-Studium forcierte die vom Bedarf losgelöste Ausbildungssituation. 60 Prozent der Lehramtsstudierenden begannen bis 2011 ihr Studium mit dem Ziel, Gymnasiallehrer zu werden, da diese Laufbahn für sie am attraktivsten erschien. Potenzielle Interessenten für den Beruf des Grundschullehrers scheiterten dagegen am Numerus clausus. Deshalb ist das Bewerberdefizit in dieser Schulart besonders hoch. Das Lehramt an Mittelschulen wurde in der Vergangenheit nur von 15 Prozent der Studierenden angestrebt, obwohl ein Viertel aller Lehrkräfte in dieser Schulart tätig ist. Mit der erneuten Reform der Lehrerausbildung wurde u. a. die Polyvalenz aufgehoben. In die schulartspezifischen Staatsexamensstudiengänge wird seit dem Wintersemester 2012/2013 immatrikuliert. Studierende, die das Bachelor-/Masterstudium begonnen haben, können unter bestimmten Voraussetzungen in die Staatsexamensstudiengänge wechseln. Dieses gilt auch für Bachelor-/Master-Studierende, die aus einem anderen Bundesland an die TU Dresden oder Universität Leipzig wechseln. Der künftige Bedarf an Oberschullehrern und Grundschullehrern kann dennoch unmöglich durch die sächsischen Lehramtsstudierenden dieser Schularten abgesichert werden.

Attraktive Arbeitsbedingungen sind die beste Werbung

Die Verkürzung der Studiendauer für künftige Grund- und Oberschullehrer im Zuge der Einführung der Staatsexamensstudiengänge wird keine Erhöhung der Attraktivität darstellen. Vielmehr ist zu befürchten, dass damit die geringere Bezahlung von neu eingestellten Grundschullehrern weiterhin gerechtfertigt werden soll. Damit gewinnt Sachsen aber weder die besten Abiturienten für das Lehramtsstudium noch verhindert es die Abwanderung in benachbarte Bundesländer, wo Lehrkräfte zunehmend verbeamtet werden. Der SLV hat seit dem Bekanntwerden der Reformpläne die Verkürzung der Studiendauer als Rückschritt kritisiert und vor Qualitätseinschnitten gewarnt.

Zu den schulartspezifischen Defiziten treten die regionalen Probleme. Es wird immer schwieriger, ausreichend Lehrernachwuchs für alle Regionen Sachsens, außerhalb der Städte Leipzig und Dresden, zu gewinnen.

Eine Ursache für den zunehmend akuter werdenden Lehrermangel ist in erster Linie der Generationenwechsel in den Lehrerzimmern. Der unerwartete Zustrom an Flüchtlingen im Jahr 2015 hat die Situation zusätzlich verschärft. In Sachsen steigen außerdem aktuell die Schülerzahlen deutlich an. Zeitgleich gehen immer mehr Lehrerinnen und Lehrer in den Ruhestand – die meisten noch vor dem Erreichen ihres regulären Renteneintrittsalters. Eine Zunahme sächsischer Lehramtsabsolventen ist jedoch erst ab dem Jahr 2019 zu erwarten.

Der Freistaat Sachsen muss sich seit Jahren in zunehmendem Maß der Herausforderung um die Gewinnung des Lehrernachwuchses im bundesdeutschen Wettbewerb stellen. Der Sächsische Lehrerverband hat die Zeichen frühzeitig erkannt und selbst Initiativen zur Lehrerwerbung ergriffen. Im Mittelpunkt unserer Aktivitäten steht die Erhöhung der Attraktivität des Lehrerberufs in Sachsen. Vieles konnten wir bereits erreichen, z. B. eine bessere Bezahlung im Vorbereitungsdienst, für Berufseinsteiger und langjährig Beschäftigte. Zu Beginn des Jahrzehnts hatten wir noch um zusätzliche Referendarstellen gekämpft, jetzt geht es um optimale Bedingungen zur Gewinnung des Lehrernachwuchses.

Ob das Maßnahmenpaket der Staatsregierung von 2016 mehr junge Lehrer/-innen nach Sachsen lockt oder sie bewegt, nach Abschluss ihrer Lehrerausbildung hier zu bleiben, wird sich in den nächsten Einstellungsverfahren zeigen. Es wäre wünschenswert, dass der Lehrermangel in Sachsen wirksam und nachhaltig gemindert werden kann.